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TEIL 1: PROJEKTERGEBNISSE DER ARCHANGELSKFAHRT

Das Projekt "Erforschung des Lebens von Ernst Ottwalt" wurde von der Stiftung Deutsch-Russischen-Jugendaustausch gefördert. Der erste Aufenthalt einer Schülergruppe der IGS.Halle an der 14. Schule in Archangelsk sollte diesem Zweck dienen. Die im vergangenen Schuljahr gewonnen Erkenntnisse über den Abiturienten des Stadtgymnasiums, Ernst Gottwalt Nicolas, waren Ausgangspunkt unserer Recherchen. Hier der Lebenslauf des Ernst Ottwalt und seiner Frau Waltraut Nicolas.

Das tragische Leben des Ernst Gottwalt Nicolas alias Ernst Ottwalt
eine wahre Geschichte –  
Geburt 13. November 1901 in Zippnow (Pommern) in einer Pfarrersfamilie Jüngster von 3 Brüdern (beide Brüder fielen im I. WK) und einer Schwester (beging später Selbstmord)
Schulbesuch Zweieinhalb Jahre in der Prima des Stadtgymnasiums Halle Gemeldet in Halle vom 08.04.1918 bis 12.04.1921
Schulabschluss Februar 1920: durch das Abitur gefallen  
  15.09.1920 Reifezeugnis nach dem zweiten Anlauf  
Studium Student der Rechte an der Uni Jena – Studium abgebrochen Ab 27.05.1921 bis 25.04.1922
Lehre Privatbank; Aufenthalt in Berlin  
Arbeit In Düsseldorf bei der Schwester (Lehrerin) in der Verwaltung einer Kesselschmiede tätig Sept. 1923 bis Juni 1924
  Aufenthalt in Berlin; Leben von Arbeitslosenunterstützung; Beschäftigung mit Marxismus Zweite Hälfte der 20er Jahre
  Arbeit in einer Verlagsredaktion Sept. 1927 bis Mai 1928
Ehe Lernt Waltraut Bartels, verheiratete Mattenklott, kennen; Scheidung Waltrauts; Eheschließung  mit Ernst am 08.03.1929 in Berlin Waltraut Agnes Elisabeth Bartels: geb. 05.01.1897
Zusammenarbeit Bekanntschaft mit Bert Brecht, Wieland Herzfelde, John Heartfield, Helene Weigel, Hanns Eisler  
Künstlername Ernst Ottwalt statt Ernst Gottwalt Nicolas (oft falsche Schreibweise mit „d“ statt „t“ sowohl im Künstlernamen als auch im zweiten Vornamen sowie bei der Schreibweise des Vornamens seiner Frau)  
Erstveröffentlichung „Ruhe und Ordnung“ Handelt von den Vorgängen in Halle zur Zeit der Novemberrevolution bis zum Kapp-Putsch (= Schulzeit Ottwalts in Halle); Tatsachenbuch; Buchcover John Heartfield Malik-Verlag 1929; 15000 Exemplare; Druck in Leipzig
Partei Eintritt in die KPD (?)  
Drama Premiere eines Bergarbeiterdramas „Jeden Tag vier“ in Berlin; Reportagecharakter Nov. 1930
Zweite Buchveröffentlichung „Denn sie wissen was sie tun. Ein deutscher Justiz-Roman“ 1931 Malik-Verlag; 6000 Exemplare; April 1932 zweite Auflage
Drehbuch Brecht, Ottwalt und Slatan Dudow beenden das Drehbuch zum Film „Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt?“; die Schester von Ottwalts Frau tippt das Drehbuch ab; Ottwalt tritt selbst im Film als Staatsanwalt in einer kleinen Nebenrolle auf August 1931
Uraufführung Berliner Filmtheater Atrium; großer Erfolg; Aufführung des Films im Mai auch in Moskau bei Anwesenheit von Brecht und Dudow – verhaltene Aufnahme 30.05.1932; Zensur hatte den Film zwei Mal verboten
Verbot des Filmes Endgültiges Filmverbot durch die Nazis; 1934 Aufführung in New York und 1936 in Zürich; 1958 Aufnahme des Films in das Kinoangebot der DDR 26.03.1933
Dritte Buchveröffentlichung „Deutschland erwache! Geschichte des Nationalsozialismus“ 1932 bei Hess & Co. in Wien/Leipzig erschienen
Nach dem Reichstagsbrand Kündigung der Wohnung in Berlin; Untertauchen bei der älteren Schwester Waltrauts, Li Bartels, in Kleinmachnow bei Berlin Ab Februar 1933; Hinweis über die bevorstehende Verhaftung durch einen SA-Mann; Abmeldung der Wohnung am 05.04.33
Bücherverbrennung Nachweislich steht der Name „Ottwalt“ auf Listen, die aus öffentlichen Bibliotheken zu verbannende Literatur enthalten  ab Februar 1933
Emigration Über Helene Weigel erhalten die Ottwalts die Möglichkeit, zusammen mit Brecht als erstes auf einer dänischen Insel Unterschlupf zu finden; danach Aufenthalt in Prag Sommer und Herbst 1933; Winter 1933
Drohende Verhaftung Die GESTAPO sucht einen „Ernst Ottwalt“ und bemerkt erst 1935, dass dies das Pseudonym des Gesuchten ist; vor allem Ottwalts letztes Buch macht ihn zum Staatsfeind  In Deutschland verbliebene Manuskripte können gerettet werden und befinden sich heute in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt a. M.
Ausbürgerung Ernst Ottwalt wird ausgebürgert und seine Pässe sollen eingezogen werden Ausbürgerungsliste vom 28.07.1936
Emigration nach Moskau Auf Einladung des sowjet. Schriftstellerverbandes gelangen die Ottwalts nach Moskau Ab Herbst 1934
Veröffentlichungen in der deutschen Exilpresse Publikationen in der Deutschen-Zentral-Zeitung, der Internationalen Literatur; Tätigkeit als Redakteur der Moskauer Vegaar-Bibliothek und bei Interlit August 1934 bis November 1936
Verhaftung Angegebener Verhaftungsgrund: Uhrendiebstahl auf der Insel Krim; Schwägerin wird einen Tag später wieder freigelassen und den Ottwalts jetzt Spionalge vorgeworfen; es ist die erste Verhaftungswelle unter den ausländischen Emigranten in Moskau Am 6. November 1936 zusammen mit seiner Frau und seiner Schwägerin auf dem Roten Platz in Moskau während der Proben dort zur Parade am 7. November, dem Revolutionsfeiertag
Gerüchte Unter den deutschen Emigranten in Moskau verbreitet sich das Gerücht, Ottwalt sei GESTAPO-Agent gewesen und deshalb erschossen worden 1937
Untersuchungshaft Moskauer Gefängnisse (anfangs in der Ljubljanka dann im Zentralgefängnis Butyrka); Verlegung nach Stalingrad (auf der Fahrt von Moskau nach Stalingrad sehen sich die Eheleute das letzte Mal) 1936 bis 1939; August 1937
Verurteilung Der Vorwurf der Spionage wird fallengelassen; beide werden nach dem § 58 Abs. 10 des sowjet. Strafgesetzbuches wegen antisowjetischer Agitation zu 5 Jahren Lagerhaft verurteilt Verurteilungszeitrum zählt ab 1936 und endet also im November 1941
Straf-, Besserungs- und Arbeitslager Beide Ottwalts werden im Norden Russlands in unterschiedliche Lager eingewiesen Waltraut Nicolas (1939 bis 1941):
Nördliches Eisenbahn ITL“; Kotlas
Ernst Ottwalt (1939 bis 1943):
Kuloi ITL“, Lager in Talagi bei Archangelsk; „ArchPromITL“ in Archangelsk
Letzter Briefkontakt Waltraud Nicolas erhält 1940 einen Brief von ihrem Ehemann mit der Absenderangabe: KuloiLag, Dorf Talagi, Stadt Archangelsk Herbst 1940
Ausweisung Auf Grund eines Geheimabkommens zwischen der SU und Deutschland von 1939 finden mehre Aktionen des Gefangenenaustausches statt; Ende 1940 steht Waltraud Nicolas“ auf der Wunschliste der deutschen Seite (Initiative dazu ergriff die Schwester Li Bartels); Ausweisung als „unerwünschte Ausländerin“ Januar 1941
Zweite Verurteilung Ernst Ottwalts Verurteilung in Archangelsk zu 10 Jahren Lagerhaft; Beginn der Haft am 24.06.1941 02.08.1941
Lagerhaft UITLiK Talagi
ArchPromITK
Ab 11.07.1942;
Ab 26.06.1943
Tod und Bestattung „Verstorben“ im ArchPromITK;
Bestattung in einem Massengrab auf dem Maimaksanski oder Solombalski oder Kusnetschewski-Friedhof in Archangelsk
25.08.1943
Waltraut Nicolas in Nazideutschland Verurteilung unter der Anklage der Vorbereitung zum Hochverrat zu 1 Jahr Haft (auf Bewährung); Veröffentlichung eines  Buches über die Haft in der Sowjetunion unter dem Titel „… laßt alle Hoffnung fahren“ (1942) und „Der Weg ohne Gnade“ (1943) - beide Bücher unter dem Namen Irene Cordes veröffentlicht 1941 bis 1943
  Der sowjetische Hauptankläger im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, Rudenko, zitiert aus Ottwalts letzter Veröffentlichung in Deutschland "Deutschland erwache! Geschichte des Nationalsozialismus" mit Nennung des Autorennamens  1945/46
Waltraut Nicolas in der Bundesrepublik Intensives Bemühen um Informationen über ihren Mann  
Offizielle Todesnachricht Mitteilung aus der Sowjetunion an das Deutsche Rote Kreuz über den Tod von Ernst Ottwalt am 24.08.1943 (Keine Ortsangabe) 1958
Veröffentlichungen nach 1945 „Hier wird Gott dunkel“ 1952 und „Viele tausend Tage“ 1960  1952 bzw. 1960
Tod Bad Godesberg  1962



Quellen:
- Andreas W. Mytze "Ottwalt", Verlag europäische ideen, Berlin 1977, 173 S.
- schriftliche Archivauskunft des MWD Russlands im Gebiet Archangelsk vom 09.09.2009 (s. Foto 1 rechts) - russ. Archive im Netz
- Kurzbiographie über Waltraut Nicolas (Organisation Memorial Deutschland)
- Interaktiver Stadtplan von Archangelsk (russ.)
- Memorial-Dokumentation zum GULAG-System 1923 bis 1960

Fortsetzung: Welche weiterführenden Erkenntnisse konnten in Archangelsk erworben werden und was ist als nächstes zu tun?

[Bk 28-09-09]

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Das Projekt wurde gefördert von der Stiftung
"Deutsch-Russischer Jugendaustausch"
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 DOKUMENTE

Archivauskunft und Todesmitteilung

 KARTEN

Textergänzungen: Bk
Foto 2:
1 = Talagi
2 = Sulfat
3 = Friedhof
4 = Friedhof
5 = Friedhof
6 = Haftkrankenhaus
Tabellarischer Lebenslauf Ernst Ottwalts als pdf-Datei