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PERLEN AUS DEM UNIVERSITäTSARCHIV

Das Universitätsarchiv in der Pfännerhöhe ist auch eine Pfundgrube für unsere Recherchen: Felix Bernstein habilitierte sich an der Universität und war dann bis 1907 als Privatdozent tätig. Friedrich Meyer, sein Mathematiklehrer am Stadtgymnasium, erhielt 1894 die Ehrendoktorwürde von der Philosophischen Fakultät, zu der auch die Mathematik gehörte.

Der Reihe nach. 1694 wurde in Halle eine Universität gegründet, die 1817 mit der 1502 gegründeten Leucorea aus Wittenberg zusammengelegt wurde. 1894 existierte demnach der hallische Teil seit 200 Jahren. Aus diesem Anlass wurde die Ehrendoktorwürde an mehrere Anwärter vergeben. Auch der Mathematik- und Physiklehrer  Friedrich Meyer vom Stadtgymnasium stand zur Disposition. Der Antrag dafür befindet sich in den Universitätsakten. Unterschrieben ist er unter anderem auch von Georg Cantor. Ebenfalls in den Akten findet man ein Dankesschreiben von Meyer an die Fakultät (Bild 2). Beeindruckend die Urkunde über die Verleihung der Ehrendoktorwürde an drei Kandidaten in lateinischer Sprache (Bild 3). Das Universitätsstudium hatte Friedrich Meyer ebenfalls in Halle absolviert (s. Matrikelbuch von 1864 Nr. 253; Bild 4).

Felix Bernstein promovierte in Göttingen, habilitierte sich aber in Halle. Dazu waren Nachweise, wie Reifezeugnis und Semesterabschlüsse von Universitäten einzureichen. Diese Dokumente findet man auch heute noch im Universitätsarchiv. Für uns von besonderem Interesse das Reifezeugnis des Stadtgymnasiums vom 10. März 1896 (Bild 1). Unterschrieben ist es von den Mitgliedern der "Königlichen Prüfungskommission". Dazu gehörten neben dem Direktor des Stadtgymnasiums, Friedersdorff, auch der Mathematiklehrer Friedrich Meyer (Bild 2). Welche Noten erhielt der Abiturient nach 9 1/2 Jahren Schulzeit am Stadtgymnasium? 
 
Religionslehre -                          genügend
Deutsch -                                  gut
Lateinisch -                               gut
Griechisch -                               gut
Französisch -                             genügend
Hebräisch -                               ---
Geschichte und Geographie -        gut
Mathematik -                            sehr gut
Physik -                                    gut
Turnen -                                   ---
Zeichnen -                                 ---
(Die Reihenfolge der Fächer ist identisch mit der des Reifezeugnisses)
Auf dem Reifezeugnis ist der Studierwunsch des Abiturienten vermerkt: Mathematik und Philosophie.
Mit Bleistift ist auf dem Zeugnis später als Adresse "Mühlweg 5" angegeben.

Beachten sollte man, dass der aus einer jüdischen Familie stammende Felix Bernstein kein Hebräisch lernte, obwohl es an der Schule unterrichtet wurde. In den Universitätsakten gibt er seine Konfession als "evangelisch" an. 1933 wurde Bermsteim "als Jude" von seinem Göttinger Posten suspendiert und ein Jahr später aus der Universität entlassen.  

Es folgen Dokumente, die den weiteren Werdegang des Abiturienten aufzeigen: "Abgangszeugnisse" mit einer Auflistung der besuchten Vorlesungen bei Nennung der Namen der Lesenden von den Universitäten München (1 Semester), Halle (insgesamt 3 Semester), Berlin (3 Semester) und Göttingen (5 Semester). 
Es lassen sich folgende Studierzeiten und -orte rekonstruieren:

(Reifezeugnis vom 10.03.1896)
Uni München vom 30.04.1896 bis  03.08.1896
Uni Halle vom 19.10.1896 bis 12.10.1897
Uni Berlin vom 26.10.1897 bis 03.03.1899
Uni Halle 03.05.1899 bis 17.10.1899
Uni Göttingen 30.04.1900 bis 17.10.1902
Habilitationsantrag an der Uni Halle vom 29.10.1902
(Bild 4 Habilitationsschrift von 1904)

In dieser Zeit erfolgte die Promotion bei Hilbert in Göttingen zu einem von Cantor veranlassten mengentheoretischen Thema.
Bernstein hörte Mathematik-Vorlesungen bei Cantor, Hilbert, Klein, Frobenius, Zermelo, Wangerin, Schwarz, Gutzmer u.a.  
Beachten sollte man, dass Bernstein zu einer Zeit in Göttingen war, als Hilbert auf dem ersten Mathematikerkongress seinen berühmten Vortrag mit 23 offenen mathematischen Problemen vortrug, die es Wert seien, gelöst zu werden. Als erstes Problem formulierte Hilbert die von Cantor formulierte Kontinuumshypothese.
Bernstein war offensichtlich an den Brennpunkten der mathematischen Forschung, sowohl in Halle (Cantor) als auch in Berlin  (Weierstrass) und Göttingen (Hilbert und Klein).

[Bk 14-07-10; Fotos von B. Budnik aus dem  Universitätsarchiv der MLU Halle-Wittenberg] 

FRIEDRICH MEYER 

Akten zu Friedrich Meyer

FELIX BERNSTEIN 

Akten zu Felix Bernstein