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DAS TRAGISCHE LEBEN DER BEIDEN ERSTEN JüDISCHEN SCHüLER* DES STADTGYMNASIUMS HALLE

Ein Stoplerstein in der Hamburger Altstadt, Jungfernstieg 22, mit dem Text:
"Hier wirkte von 1907 - 1933 Paul Salomon, Jg. 1865, gedemütigt/entrechtet, Flucht in den Tod 21.9.1941" lässt uns zwei weitere Lebenswege von Abiturienten des städtischen Gymnasiums von Halle verfolgen.

Im uns vorliegenden Adressverzeichnis der Abiturienten von 1910 finden wir folgende Informationen:

Oskar Salomon (1863 - 1941) - Abiturient Nr. 214 von Michaelis 1882 - Facharzt
Paul Salomon (1865 - 1941) - Abiturient Nr. 261 von Ostern 1885 - Bankdirektor

Dank der Biografie von Björn Eggert über Paul Salomon, die auch in der Zeitschrift "Maajan", Zeitschrift für jüdische Familienforschung 2009 Heft 92, sowie im Internet veröffentlicht wurde, lässt sich über das Leben der beiden Brüder aus Halle folgendes sagen:

- Die Eheleute Salomon hatten 5 Kinder, neben den beiden Jungs, die Schüler des Stadtgymnasiums wurden, noch die Schwestern Franziska, Elise und Margarethe.

- Der Vater, David Salomon, war Inhaber der Fa. Gebrüder Salomon und als Kaufmann tätig. Er starb 1902 und 1926 seine Ehefrau. Die Firma ging in Konkurs und die beiden Söhne mussten jahrelang noch die Schulden dafür bezahlen.

- Paul Salomon äußerte sich 1940 über seine Schulzeit am Stadtgymnasium: "Wir zwei Söhne waren die ersten Kinder jüdischer Eltern, die das Stadtgymnasium meiner Vaterstadt besuchten"*.  Da sich die Salomons als assimilierte jüdische Bürger** empfanden, standen sie auch der jüdischen Religion nicht sehr nahe. Der Biograf Björn Eggert formuliert: "Auf Verlangen des Schuldirektors [Erg. B. Budnik: dies war Otto Nasemann] hatte er [Erg.: Paul Salomon] lediglich mit 19 Jahren für das Abiturzeugnis eine Unterweisung in der (jüdischen) Religion und über sittliche Reife durch einen Rabbiner erhalten".  Paul begann nach dem Abitur eine Lehre beim Halleschen Bankverein Kulisch, Kaempf & Co. und leistete 1888 seinen einjährigen Militärdienst in Halle ab. Ein Jahr später nahm er eine Stelle bei der Dresdner Bank in Hamburg an. Dort avancierte er 1907 zu einem der zwei stellvertretenden Direktoren der Dresdner Bank, die in einem Gebäude am Jungferstieg 22 (s. Stolperstein) ihren Sitz hatte. In den zwanziger Jahren wird Paul Salomon im Hamburger Adressbuch als "Direktor der Dresdner Bank" bezeichnet. Während der Inflation 1923 verliert die Familie ihr gesamtes Vermögen. Ab 1933 begann sich die Dresdner Bank sysematisch von jüdischen Mitarbeitern zu trennen. Fragebogen waren auszufüllen, die schließlich auch dazu führten, dass Paul Salomon in den Ruhestand versetzt wurde. 1939 mussten die Salomons zwangsweise Mitglieder des JÜdischen Religionsverbandes werden. Nach dem die eigenen Kinder schon nach England emigriert waren wurde die Isolation für das Ehepaar immer schlimmer. Das noch vorhandene Ersparte fiel den Sonderabgaben und Steuern an den Nazistaat zum Opfer. Der ehemalige Arbeitgeber, die Dresdner Bank, beteiligte sich schließlich in großem Maßstab an "Arisierungs-Geschäften". Wie Björn Eggert betont, hatte die Bank Millionenkredite an die SS vergeben und damit den Ruf einer "SS-Bank" erworben.
Am 21. September 1941 setzten die Eheleute Salomon ihrem Leben ein Ende. Bestattet wurden sie auf dem Jüdischen Friedhof Ohlsdorf in Hamburg.

- Die drei unverheirateten Schwestern lebten weiter in Halle. Elise (Gesangslehrerin) nahm sich am 16. September 1942 in Halle das Leben. Die jüngste Schwester, Margarete, beging einen Tag später Selbstmord. Franziska Salomon (kaufmännische Angestellte) wurde im März 1943 nach Theresienstadt deportiert und starb dort im März 1944.

- Der ältere Bruder Oskar Salomon, der 1883 das Abitur gemacht hatte, war nach dem Studium als Arzt in Gera tätig und nahm sich zusammen mit seiner Frau Martha und dem Sohn Hans (war Richter in Gera) am 18. September 1941 das Leben.  In einem Abschiedsbrief gab er als Anlass für den Suizid die Verordnung zum Tragen des "Judensternes" an.  Alle drei wurden auf dem evangelischen Ost-Friedhof in Gera bestattet, da die Familie vor Jahren bereits konvertiert war. Der Sohn Fritz nahm sich ebenfalls das Leben, indem er auf die Ostsee hinausgeschwommen war bis ihn die Kräfte verließen. 

Quelle: http://stolpersteine-hamburg.de/index.php?&LANGUAGE=DE&MAIN_ID=7&p=133&BIO_ID=3266, 13.01.2011 Autor Björn Eggert

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*) Zur Formulierung, die beiden Brüder wären die ersten jüdischen Schüler am Stadtgymnasium gewesen ist folgendes zu bemerken:


~ Aus den Jahresberichten des Stadtgymnasiums (diese waren von allen Gymnasien des kaiserlichen Deutschlands jährlich herauszugeben), die zum großen Teil im historischen Archiv der IGS vorhanden sind, können die Stundentafeln der Jahrgänge (Prima I, Secunda II, Tertia III, Quarta IV, Quinta V und Sexta VI) entnommen werden.  Schon im Heft 2 der Jahresberichte (1869/70) werden 4 Stunden für den Hebräischunterricht durch den Lehrer Herrn Schmeisser ausgewiesen. 4 bis 8 Stunden Hebräisch findet man in allen Jahrgängen bis in die 80er Jahre des 19. Jh. hinein. Ab 1873 werden die meisten Stunden vom Lehrer Dr. Raehse gegeben (später Dr. Ebeling). Die Stunden liegen in der ersten Jahren immer in der Prima und Secunda, in den 80er Jahren auch in der Tertia.

~ Ab Ende der 80er Jahre des 19. Jh. wird in den Jahresberichten auch eine Statistik der Religionszugehörigkeit der Schüler abgedruckt. Diese sagt für den Stichtag 1. Februar 1890 für das Stadtgymnasium aus:
Gymnasium: 491 Schüler evangelisch, 12 Schüler katholisch, 11 Schüler jüdisch
Vorschule: 189 evangelisch, 0 katholisch, 10 jüdisch
(1896: 525 ev., 14 kath., 16 jüd.).


Aus beiden Positionen kann geschlussfolgert werden, dass vom Beginn des Bestehens der Schule an bis zu Nazizeit immer jüdische Schüler am Stadtgymnasium gewesen sind und der Hebräischunterricht regelmäßig durchgeführt wurde (die für das Stadtgymnasium gedruckten Reifezeugnisse haben auch grundsätzlich das Fach Hebräisch mit aufgeführt). Es ist also nicht ganz verständlich, warum die Brüder Salomon in den 80er Jahren des 19. Jh. die ersten jüdischen Schüler des Stadtgymnasiums gewesen sein sollen.

**) Bei unseren Recherchen zu den Lebensschicksalen ehemaliger Schüler des Schulstandortes fiel besonders beim Stadtgymnasium auf, dass nicht wenige gut situierte jüdische Familien in Halle, die ihre Söhne an das Stadtgymnasium schickten, nicht aktiv in der jüdischen Gemeinde waren bzw. sich  gar nicht mehr als jüdische Bürger empfanden und erst durch die Nazigesetzgebung wieder "zu Juden gemacht wurden". Von uns bis jetzt dokumentierte Beispiele dafür sind Felix Bernstein (genauso wie sein Vater, der Universitätsprofessor Julius Bernstein) und Kurt Bauchwitz.


***) Über einen weiteren jüdischen Schüler des Stadtgymnasiums gibt es ergänzende Informationen. Ostern 1897 machte Albert Müller als Abiturient Nr. 532 das Abitur an der Schule. Über ihn gibt es im "Gedenkbuch für die Toten des Holocausts in Halle" (vom Südstadtgymnasium erstellt) einen Eintrag. (Link)
Dr. jur. Albert Müller (geb. am 14.03.1878 in Halle, letzte bekannte Wohnanschrift Händelstr. 3) starb am 3. Juni 1942 im Vernichtungslager Sobibor.  


[Bk 14-01-11]

Der ehemaligen Projektgruppe "Juden in Halle" mit ihrem damaligen Projektleiter Herrn Volkhard Winkelmann vom Südstadtgymnasium sollte auch im Nachhinein von dieser Stelle für die sehr wertvolle Arbeit am Gedenkbuch für die Toten des Holocaust in Halle gedankt sein. Dort findet man biografische Angaben zu über 400 Personen.

Namensliste

Eine weitere wichtige Internetquelle zur Erforschung jüdischen Lebens ist das Gedenkbuch für die jüdischen Opfer der NS-Zeit im Bundesarchiv Koblenz

Link 

Suche in Yad Vashem Datenarchiv (engl.)
Namenssuche 

Johann-Heinrich Möller aus Hamburg hat auf der Seite Stolpersteine in Hamburg zwei pdf-Dateien zum Download bereit gestellt, die Empfehlungen zur Recherche nach jüdischen Opfern Auskunft geben bzw. die Empfehlungen für die Reinigung von Stolpersteinen enthalten.