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DIE HALLISCHE FAMILIE KOHLSCHüTTER UND DAS STADTGYMNASIUM

Recherchiert man im Internet nach dem Namen "Kohlschütter" in Halle so bekommt man Fundstellen, die zum Nordfriedhof, zur Kohlschütterstraße am Reileck und  zur Kohlschütter-Apotheke im Steinweg führen.

Das Riehmsche Adressverzeichnis der Abiturienten des Stadtgymnasiums listet sechsmal den Namen Kohlschütter auf:
1. Ernst K., Abiturient Nr. 359 von Michaelis 1889, Astronom
2. Paul K., Nr. 406 Ostern 1892, Arzt in Leipzig-Gohlis
3. Hermann K., Nr. 454 von Ostern 1894, Gutsinspektor in Rieda bei Stumsdorf
4. Wolfgang K., Nr. 487 von Michaelis 1895, Kaufmann in Hamburg
5. Heinrich K., Nr. 627 von Ostern 1900, Ingenieur
6. Arnold K., Nr. 654 von 1901, Astronom

Wer waren die Kohlschütters in Halle? Der Vater, Ernst Kohlschütter (1837 - 1905), kam aus Dresden über Leipzig (Studium und Dissertation*) als prakt. Arzt nach Halle (Habilitation an der Universität) und hat hier seine Spuren hinterlassen, da ihm ein Grabdenkmal auf dem Nordfriedhof gesetzt wurde (das nach Aussagen des Verwalters des Nordfriedhofs, Herr Bade, wieder instand gesetzt wird, wofür sich auch der Förderverein für Friedhofskultur einsetzt) und kurz nach seinem Tode auch eine Straße nach ihm benannt wurde. Sein Wirken in Glaucha wurde durch die Namensgebung einer Apotheke gewürdigt. Die Familie Kohlschütter war groß, drei Ehen, 5 eigene Kinder, 4 adoptierte Kinder und 2 Pflegekinder sprechen dafür. Also kann man wohl davon ausgehen, dass die sechs Jungen mit dem Familiennahmen Kohlschütter alle zur gleichen Familie gehörten.

Wo wohnten die Kohlschütters? Zu der Zeit, als die sechs oben aufgeführten Schüler Angehörige des Stadtgymnasiums waren, war der Schulweg nicht weit: man wohnte in der damaligen Karlstr. 34, heute die Heinrich-und-Thomas-Mann-Str., im Haus Nr. 26. Dieses Haus listet auf entsprechenden Schildern seit 1935 die verschiedensten universitären Einrichtungen auf, da die Uni das Haus (nach Druck durch die Nazis auf die damaligen Besitzer) "unter Preis" kaufte und im hinteren Bereich durch mehrere Anbauten vergrößerte. Wer waren die Besitzer nach dem Tode des Familienvaters Ernst Kohlschütter (1905)? Es war die Freimaurerloge "Friedrich zur Standhaftigkeit".  Auf ihrer Internetseite findet man den Hinweis, dass die Villa 1876 für Kohlschütter erbaut wurde und 1905 von den Erben an die Loge verkauft wurde. Auf den Seiten des Friedhofsfördervereins heisst es, dass Ernst Kohlschütter 1902 in die Burgstr. 28/29 gezogen sei (Widerspruch zu den Angaben der Loge).
Heute befinden sich die Universität sowie die Freimaurerloge in der ehemaligen Kohlschütter-Villa (Besitzer des Hauses ist wohl die Loge).

Was hat Ernst Kohlschütter besonderes für die Stadt Halle getan, so dass eine Würdigung bis in die Gegenwart sinnvoll erscheint?
Erst einmal scheint er ein etwas eigenartiger Charakter gewesen zu sein. Ein Leben lang nur außerordentlicher Professor (damit ohne Besoldung) mit verpatzter Universitätskarriere (Grund war wohl ein Dissens mit Robert Koch). Sein eigenes Studium wurde durch Patienten seines Vaters finanziert. Einnahmen für den Lebensunterhalt der eigenen Familie konnten nur aus der Tätigkeit als praktischer Arzt und Honoraren für Vorlesungen stammen. Zu Kohlschütters bleibenden Verdiensten gehört sein soziales Engagement, wie man es heute bezeichnen würde. Biografen weisen darauf hin, dass er sich als Armenarzt hervortat und mitunter selbst mit Krankheiten infiziert wurde. Er setzte als Stadtverordneter den Bau einer Wasserleitung und den Ausbau der Kanalisation in der Stadt durch. Er initiierte Ferienkolonien für Kinder aus ärmlichen Verhältnissen bzw. für in ihrer Entwicklung zurückgebliebene Kinder (erstmalig fuhren 1880 Kinder in den Harz). Weiter trat er für die Eröffnung von Volksküchen und Volkskaffeehallen (ohne Alkohol!) ein. Er regte weiter den Ausbau der Moritzburg als Museum an und schufe mit Mitstreitern zusammen die erste Volkslesehalle in der Stadt (daraus ging später die Stadtbibliothek hervor). Auch politisch wurde er zeitweise aktiv und handelte sich damit Schwierigkeiten auf verschiedenen Ebenen ein (zur Reichstagswahl 1890 hatte er zur Wahl des sozialdemokratischen Kandidaten aufgerufen) .  

Über welche Söhne liegen Informationen über ihren weiteren Lebensweg vor?
Wie oben gesagt, blieb Ernst Kohlschütter die Universitätslaufbahn versagt. Einigen seiner Söhne, die in unserem Hause ihr Abitur ablegten, gelang dieses aber mit Erfolg. Besonders hervorzuheben sind da die Halbbrüder Ernst (1870 Halle - 1942 Potsdam) und Arnold Kohlschütter (6.7.1883 Halle - 28.5.1969 Bonn), der erste und der letzte Sohn der Familie, die am Stadtgymnasium ihr Abitur ablegten. Beide arbeiteten wissenschaftlich in der Astronomie. Ernst wurde 1922 Direktor des Preußischen Geodätischen Instituts in Potsdam. Arnold K. wurde Astrophysiker. 1923 nahm er an einer Sonnenfinsternisexpedition nach Mexiko teil, die die relativistische Lichtablenkung nachweisen sollte. Nach Angaben der Wikipedia wurde nach Arnold Kohlschütter ein Mondkrater benannt (Quelle). 

 Quellen:

[1] Digitale Sammlungen der Bayerischen Staatsbibliothek (biograf. Angaben zu Ernst und Arnold Kohlschütter)
[2] Catalogus professorum halensis (Ernst Kohlschütter)
[3] Friedrich zur Standhaftigkeit - Freimaurer-Wiki
[4] Bericht über die Reise deutscher Astronomen 1923 zur Sonnenfinsternis nach Mexico (Teilnehmer Arnold Kohlschütter)
[5] Verein für Friedhofskultur Halle - Erhaltenswerte Grabstätten - Ernst Kohlschütter

*Sigmund Freud hat aus der Dissertation von Ernst Kohlschütter zum Thema Schlaffestigkeit eine Zeichnung übernommen, da Kohlschütters Thesen seine eigenen stützten (Quelle)

[Bk 26-03-11; Fotos B. Budnik]

DER NAME "KOHLSCHÜTTER" IN DER STADT HALLE

Nordfriedhof: Grabstätte Kohlschütter mit einem "namenlosen" Grabdenkmal
Kohlschütterstraße nähe Reileck 
Kohlschütter-Apotheke, Steinweg 25
Wohnhaus der Familie Kohlschütter in der ehem. Karlsstr. 34, heute Heinrich-und-Thomas-Mann-Str. 26
Vater Ernst und Sohn Arnold Kohlschütter 
Fotoquellen 1, 2