Logo IGS

2. APRIL 2011 - 85. GEBURTSTAG VON EDGAR HILSENRATH (HERZLICHEN GLüCKWUNSCH!)

Der jüdische Autor Edgar Hilsenrath ist besonders bekannt geworden durch seinen Roman "Der Nazi & der Frisör". Sein Leben führte ihn von Leipzig (Geburtsort, 2. April 1926) über Halle nach Rumänien, in die Sowjetunion, dann nach Palästina, in die USA, nach Frankreich und schließlich wieder (1975) nach Deutschland zurück (Westberlin). Von 1928 bis 1938 wohnte Edgar Hilsenrath mit seiner Mutter Anni und Vater David Hilsenrath und dem drei Jahre jüngeren Bruder in Halle, da der Bruder des Vaters hier ein Möbelgeschäft besaß. Der Boykott jüdischer Geschäfte 1936 in Halle (s. Fackenheim-Artikel, NSDAP-Flugblatt) erzwingt die Aufgabe des Möbelgeschäfts und führt zu einem sozialen Abstieg (Quelle) der Familie. Noch vor der Reichsprogromnacht will die Familie in die USA auswandern, bekommt nicht rechtzeitig ein Visum und die Mutter mit den beiden Söhnen fliehen zu Verwandten nach Rumänien, der Vater flieht nach Frankreich. Edgar Hilsenrath hat in Halle als "Grundschüler", wie man heute sagen würde, die Volksschule und eine Mittelschule besucht. In einem Spiegelinterview (Quelle) formuliert Hilsenrath: "Ich bin ja in Halle aufgewachsen und dann mit meiner Mutter und meinem Bruder zu meinen Großeltern in die Bukowina gezogen, weil es in Deutschland zu gefährlich für uns wurde. Die ganze Atmosphäre wurde unerträglich. Meine Schule in Halle war eine richtige Nazi-Schule, ich musste mich jeden Tag mit den anderen Jungen prügeln, sie gaben mir irgendwelche Spitznamen, die Lehrer schikanierten mich."  Und in einer anderen Publikation (Quelle): "Ich war das einzige jüdische Kind in der Klasse, und das war im nationalsozialistischen Deutschland kein Vergnügen. ... Trotzdem hatte ich Freunde in der Klasse." Die Schule war zwar nicht das Stadtgymnasium, aber die Situation in den Schulen war wohl überall ähnlich (s. Erinnerungen von Emil L. Fackenheim im Stadtgymnasium). Bei einer Lesung in Halle 2008 nannte Edgar Hilsenreich als die von ihm besuchten Schulen in der Herrmannstr., dann eine Giebichensteinschule und schließlich eine Privatschule bei einem Dr. Busse in der Nähe der Wohnung der Familie (Bernburger Str. 30 [übrigens wohnte im Nachbarhaus in der II. Etage Kurt Bauchwitz - s. Bauchwitz-Artikel], später Kleine Klausstr.).   (Quelle)

Sowohl Hilsenrath als auch Fackenheim machten sich später im Leben Gedanken darüber, ob an den Schulen, die sie in der Kindheit besuchten, auch die Täter der NS-Zeit ihre "Karriere" begangen. Vielleicht gingen sie sogar auf die gleiche Schule. Natürlich waren auch diese irgendwo Schüler gewesen. Ein "humanistisches" Gymnasium, wie das Stadtgymnasium sich nannte, entließ auch junge Männer in das Leben, die später zu gesuchten Naziverbrechern wurden. Auch das gehört zur ganzen Wahrheit. Dafür stehen besonders zwei Namen, Werner Kirchert und Horst Schumann (Abiturienten Nr. 1433 von Ostern 1927 bzw. 1409 von Michaelis 1925). Das besonders perfide an ihren Biografien ist wohl, dass beide Ärzte wurden (beide Dr. med. und Schumann zeitweise als Amtsarzt in Halle tätig). Kirchert wurde SS-Obersturmbannführer und war leitender Mediziner beim Inspekteur der Konzentrationslager (Quelle). Er gehörte zur berüchtigten SS-Division Totenkopf und bekleidete noch andere führende Positionen in der NS-Ärzteschaft. Nach dem Kriege in Westdeutschland lebend wurde er verurteilt, kam wieder frei und ein erneutes Ermittlungsverfahren wurde später eingeleitet. Dieses wurde 1995 nach dem Tode Kircherts eingestellt. Sowohl Kirchert als auch Schumann wurde Ende der 1930er Jahre angetragen, an der Euthanasie-Aktion T4 (Ermordung behinderter Menschen) teilzunehmen. Kirchert lehnte ab, Schumann wurde willfähriger Vollstrecker. Er machte das Behindertenheim Grafeneck (Württemberg) zu einer Tötungsanstalt (Quelle); auf den Seiten der Gedenkstätte Grafeneck gibt es eine "Täterseite" zu Schumann) und verlegte dann seine Tätigkeit nach Pirna-Sonnenstein; auch dort wurden Behinderte durch Kohlenmonoxid vergast (Quelle). Schumann führte Selektionen in den KZs Buchenwald, Dachau, Flossenbürg, Groß-Rosen, Mauthausen, Neuengamme und Niederhagen durch (Quelle). 1942 nahm er seine Tätigkeit im Block 10 bzw. 30 des Frauenkrankenhauses von Auschwitz-Birkenau auf. Schumann führte Sterilisierungsversuche an Frauen durch. Schließlich und endlich wurde er in das KZ-Ravensbrück versetzt und begann dort mit einer "Versuchsreihe" unter Zigeunerkindern. Nach dem Kriege war er als Sportarzt dann als Knappschaftsarzt in Gladbeck tätig. Der Antrag auf Erteilung eines Jagd- und Fischereischeines wurde ihm zum Verhängnis. Das dafür notwendige polizeiliche Führungszeugnis führte zur Erkenntnis, dass es sich bei ihm um einen gesuchten NS-Arzt handle (s. Spiegel v. 21.09.1970 - es gab eine Anfrage zu Schumann in dessen Geburtsort Halle, in der er auch studiert und promoviert hatte). Schumann konnte fliehen, ging über Japan nach Ägypten, dann in den Sudan, nach Nigeria und schließlich nach Ghana. Er wurde ghanesischer Staatsbürger und richtete ein Urwaldkrankenhaus ein. 1961 wurde Schumann in Deutschland der akademische Grad aberkannt*. 1962 von einem Journalisten als Euthanasie-Arzt Schumann in Ghana entdeckt kam es erst 1966 zur Auslieferung. 1970 begann ein Prozess, der 1971 wegen Verhandlungsunfähigkeit Schumanns ausgesetzt wurde. 1972 erfolgte die Haftentlassung. Die restlichen Jahre verbrachte er in Frankfurt am Main und starb 1983. In mehreren Spiegel-Ausgaben, die im Netz als pdf-Dateien abrufbar sind, sind die damaligen Recherchen zu Schumann nachlesbar. (Quelle)
Der Kreis schließt sich, indem nochmals an Edgar Hilsenraths Buch "Der Nazi & der Frisör" erinnert werden soll. Der SS-Mann Max Schulz, der die Familie Finkelstein auslöschte, lässt sich nach dem Krieg beschneiden, wandert nach Palästina aus, nimmt die Identität des Juden Itzig Finkelstein an und schließt sich dann noch einer israelischen Terrorgruppe an, um die Briten aus Palästina zu vertreiben. Ein bisschen ähnelt die Biografie des Horst Schumann, der als vermeintlich zweiter Albert Schweitzer ein Urwaldkrankenhaus gründete, an die des Max Schulz alias Itzig Finkelstein. Nur, der eine ist erfunden, der andere nicht. 
Radio Corax in Halle erinnerte in einer Sendung am 1.4.11 an den 85. Geburtstag von Edgar Hilsenrath. Über die Datenbank der ausgestrahlten Sendungen von Corax kann die Buchlesung Edgar Hilsenraths vom August 2008 in Halle nachgehört werden.

*) Ernst Klee schreibt in seinem Buch "Was sie taten - Was sie wurden - Ärzte, Juristen und andere Beteiligte am Kranken- oder Judenmord" [Fischer-Verlag, 1986 Frankf. a. M.] auf S. 98: "Horst Schumann ist der berüchtigste aller Euthanasie-Ärzte."

Weitere Quellen:
- "Die Mörder sind noch unter uns" NS-Ärzte: Von der Euthanasie zur Massenvernichtung (Teil IV von Robert Jay Lifton) im Spiegel vom 11.07.1988
- Spiegelartikel über den Schumann-Prozess (Hefte vom 21.09.1970 und 19.04.1971)
- "Der Nazi & der Friseur"- ein Interpretationsansatz von Tina Rausch (pdf-Datei mit Lebenslauf)
- Homepage des Autors und seines Freundeskreises

Weitere Bücher von Edgar Hilsenrath: "Der weiße Neger" 1940, "Der jüdische Friseur" 1967, "Nacht" 1978, "Moskauer Orgasmus" 1979 (später auch als "Gib acht, Genosse Mandelbaum" herausgegeben), "Bronskys Geständnis" 1980 (auch unter dem Titel "Fuck America" herausgegeben),"Jossel Wassermanns Heimkehr" 1993, "Die Abenteuer des Ruben Jablonski" 1998, "Berlin .. Endstation" 2006

Hinweis: "Die Abenteuer des Ruben Jablonski" ist ein autobiographischer Roman, der unter anderem in Halle spielt (unschwer zu erkennen ist, dass die Familie Hilsenrath in der Bernburger Str. 30 wohnte) - Hier kann Kapitel 1, das in Halle spielt, als mp3 gedownloaded werden (es liest E. Hilsenrath)

Ergänzung: Link zum MZ-Artikel zu Edgar Hilsenraths 85. Geb.


[Bk 02-04-11/Fotos B. Budnik]

Bernburger Str. 29 (li; in der 2. Etage wohnte der jüd. Rechtsanwalt Kurt Bauchwitz) und 30 (re; hier wohnte die Fam. Hilsenrath)

Hauseingang

Die Sanierung und Planung der Eröffnung einer Begegnungsstätte "Kallmeyer-Haus e.V." wird an der Fassade des leergezogenen Hauses angekündigt. (Friedrich Kallmeyer war ein Architekt)