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WALTER C. FRANK ALIAS WALTER FACKENHEIM

Walter C. Frank ist der Sohn des jüdischen Abiturienten des Stadtgymnasiums von 1900, Willy Fackenheim. Seinen deutschen Namen (Walter Fackenheim) änderte er nach der durch die Nazis verursachten Emigration in die USA in einen amerikanischen um (1947).  

Willy Fackenheim, aus Hessen stammend, legte sein Abitur in Halle ab, da die Familie hier Verwandtschaft hatte. Später ging er wiede in seine Heimat zurück und wurde Arzt. Sein Sohn Walter wurde am 26. Mai 1920 in Wiesbaden geboren, kennt daher Halle nicht. In seiner Autobiographie kommt (seltsamer Weise) Halle und die Verwandtschaft nicht vor.

Auf den Seiten von "Hassia judaica" wird im Projekt "Dr. med. Willy Fackenheim" auch über den ältesten Sohn von Willy und Elsa F. berichtet (S. 9 - 11). Dem unter Leitung des Lehrers Dr. Heinrich Nuhn Recherchierenden war lange Zeit nicht klar, wo Willy Fackenheim sein Abitur 1900 gemacht hatte. Erst durch unsere Kontaktaufnahme mit den im dortigen Projekt Tätigen konnte dieser Puzzlestein zum Lebensbild Willy Fackenheims hinzugefügt werden.

Sohn Walter beschreibt in seinen Memoiren im Kapitel 1 "The Family" kurz mehrere Generationen der hessischen Fackenheims. Ähnlich wie in der Autobiographie Emil L. Fackenheims ist der englische Text mit deutschen Begriffen durchsetzt.

Zwischenstation in der Emigration war - wie für viele jüdische Bürger aus Nazideutschland - Shanghai. Über die Tätigkeit Walter Fackenheims im Internationalen Komitee der Europäischen Immigranten in Shanghai" findet man hier weiteres Material. 
Walter C. Frank bezieht sich in seinem Buch an verschiedenen Stellen auf seine Besuche in Wiesbaden 1967 und 1989. 

Was erfahren wir nun im Buch des Sohnes über den Vater, der Schüler und Abiturient in unserem Hause war? Die Erinnerungen werden original in englischer Sprache hier zitiert.

Walter F. beschreibt seine Familie (Vater Willy, Mutter Elsa Altschul und den um 2 Jahren jüngeren Bruder Erich) ausführlich. Zum Vater heißt es auf S. 37: "Father went to grammar school in Bebra and to high school, at age ten, as customary in Germany, in Hersfeld, to the best of my recollection. He studied medicine at universities in Halle and Berlin and received his doctorate in  medicine from the University of Wuerzburg in June 1905." Die Stadt Halle wird nur im Zusammenhang mit dem Medizinstudium genannt.
Der berufliche Werdegang des Vaters hat wohl den Sohn stark beeinflusst, auch er will in die Medizin gehen. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass die Familie plant, Walter ebenfalls auf ein sogenanntes humanistisches Gymnasium zu schicken, denn der Vater hat schon ein solches in Halle besucht. Walter C. Frank beschreibt in seinem Buch ein solches in Wiesbaden. Da die Ausbildung im hallischen Stadtgymnasium ähnlich abgelaufen sein wird, soll er hier zitiert werden.  
"I planned to be a physician, like my father, and was enrolled in the Humanistic Gymnasium, where Latin started at age ten, Frennch at twelve, and Greek at thirteen, with a good dose of mathematics, geometry, physics and chemistry, and some history. To be admitted, I had to take a written exam ... Going to high school cost twenty marks a month, plus books, writing materials, drafting equipment, art supplies, and whatever els one needed. The school year started in April after the two week Easter recess; there was a six week summer vacation in July and part of August, a two week fall recess, a winter vacation (Weihnachts Ferien) and again the Easter recess. And so at age 10 I was presented with my first 'fancy' school cap in the colors designed for that school and first grade, called 'Sexta' - black with thin gold trim. All high schools students wore similar caps, and one could tell from their color and trim which high school and grade a student attended." [S. 56] Es ist noch nicht gelungen herauszubekommen, welche Mützen die Schüler des Stadtgymnasiums in Halle trugen. Auf einigen Fotos von Gottfried Riehm sind solche Schülermützen zu erkenn - aber leider nur in Schwarzweiß und nicht groß genug.
"The school, like all German high schools, had eight grades. The first or lowest was called Sexta. Next came Quinta, Quarta, lower Tertia, upper Tertia, lower Secunda, upper Secunda, lower Prima, upper Prima. Upper Prima terminated into an extremly stiff oral und written exam called Abitur (from the Latin word abire, to leave), the examination on leaving the high school to be admitted to a university. It was not easy to move up to a higher grade. There were tests throughout the school year, and the end of the year, these tests, mostly written, closed book exams, plus one's ongoing work in the classroom and performance in homework, were considered in deciding to promote a student or, heaven forfend, mak him repeat the grade. And some, although very few, students were indeed made to repeat. Pupils were assigned to a specific classroom, the home room, where most subjects were taught - those not requiring a laboratory or other special equipment. The teacher in charge of the home room was the Klassenlehrer (class instructor). Teachers usually taught two or three subjects in grade, and a complex time/hour plan moved  them around the school efficiently. Students stayed in their home room, by and large. For chemistry, physics, art, music, or physical education, students went to the laboratories, the music or art rooms, or the PE hall [Ergänzung Bk: damit ist die Turnhalle gemeint].The school year was pleasantly interrupted be excursions." [S. 58f.]
Zu Walter Fackenheims Erinnerungen an das humanistische Gymnasium gehört auch der Satz: "Almost all students in those days had a Ph.D. and were adressed as 'Dr. ...'.". [S. 62]
Zum Anteil jüdischer Schüler an der Schülerschaft des Gymnasiums in den 30er Jahren schreibt der Autor: "There were just a few Jewish students in that school at the time. Among them was my brother who entered the school in 1932 ... In 1992, a number of Wiesbadeners, among them two high school teachers I met at my 1989 visit there, published a study of the educational  system under National Socialism with particular emphasis on the Wiesbaden Gymnasium. They found that there were seventeen Jewish students at the two division of the school between 1929 and 1938." [S. 59f.] Der Autor meint damit zwei Schulen (Humanstisiches Gymnasium und Realgymnasium), die in Wiesbaden am gleichen Platz lagen und wohl auch gemeinsam geleitet wurden. In Halle hatten wir zeitweise die gleiche Situation: die Städtische Oberrealschule wurde in unserem Hause gegründet und befand sich einige Jahre auch gemeinsam mit dem Stadtgymnasium im gleichen Schulhaus, bis das Gebäude am Reileck bezugsfertig war; Otto Nasemann war Anfangs Schuldirektor beider Schulen; eine ähnliche Situation gab es dann später nochmal mit dem Reformrealgymnasium. - Auch im hallischen Stadtgymnasium gab es jüdische Schüler bis 1937 - zu ihnen gehörten die Söhne der hallischen Fackenheims.

Zur Beziehung zwischen den hessischen und den anhaltinischen Fackenheims finden wir in der Autobiographie ebenfalls einen Hinweis (Abschnitt: Crystal Night and Buchenwald): "Some days later, talking to another prisoner, I discovered that he was my father's first cousin, Julius Fackenheim, a lawyer from Halle whose son Emil would eventually become one of orthodox Judaism's well known rabbis and a professor in Jerusalem, whose many learned books are on Jewish bookshelves around the world." [S. 107] Und einige Seiten weiter:
"When I arrived at Department 1, an SS officer asked if I knew a Julius Fackenheim from Halle. I said I did; he was a cousin of my father." [S. 115]

Auf den Seiten 32 bis 35 finden wir die Fotokopie von zwei Fragebögen aus dem Jahre 1933, die die jüdische Familie Fackenheim auszufüllen hatte (Bildunterschrift: Questionnaire completed by Father on May 14, 1933). In diesen beiden Fragebögen hat "der Angefragte" (hier Willy Fackenheim) Auskunft über sich und seine Ehefrau zu geben. Dabei wurden Auskünfte auch über die eigenen Eltern und Großeltern abgefragt. Zu allen Personen waren auch die Konfession ("auch Konfessionswechsel") und die Staatsangehörigkeit ("auch Staatsangehörigkeitswechsel")  anzugeben. Man ahnt, in welche politische Richtung diese Fragebögen sich entwickeln werden.

Walter Fackenheim beschreibt seine Freizeitbetätigung als Kind und Jugendlicher. Er war Mitglied des R.J.F. ("Reichsbund of Jewish War Veterans"), eines jüdischen Sportklubs. Vater Willy Fackenheim nahm im I. Weltkrieg als Offizier der deutschen Armee teil und verließ diese mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse (diese Tatsache sollte während der "Schutzhaft" Willy Fackenheims im KZ Buchenwald nach der Kristallnacht noch eine Rolle spielen).

Sohn Walter beschreibt die Zeit nach der Kristallnacht ziemlich ausführlich in seien Memoiren. Was war geschehen? Die Nazis nahmen die Ermordung eines deutschen Diplomaten durch einen jüdischen Attentäter zum Anlass für das, was später als "Kristallnacht" (Nacht vom 9. zum 10. November 1938) in die Geschichte einging. Ein Progrom gegen jüdische Bürger. Mehrere zehntausend männliche Juden ab dem 14. Lebensjahr wurden verhaftet und in drei Konzentratonslagern inhaftiert: in Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald. Auch Willy und Walter Fackenheim waren davon betroffen (ebenfalls in Buchenwald waren Julius Schwab und Julius Fackenheim aus Halle). Walter F. beschreibt die Verhaftung von sich und seinem Vater am Donnerstag, dem 10. November sowie den Transport nach Weimar/Buchenwald am darauffolgenden Freitag. Weimar kannte er bisher nur im Zusammenhang mit Goethe und Schiller. Es wird beschrieben, wie der Tagesablauf der sogenannten "Novemberjuden" in den Baracken 1A bis 5A verlief (dieser Teil des KZ war getrennt vom Hauptlager). Verbrachten Vater und Sohn die erste Nacht in der Gefängniszelle in Wiesbaden noch gemeinsam so wurden sie in Buchenwald aber getrennt. "I had been separated from my father in the crush of what turned out to be almost ten thousand Jewish men transported to Buchenwald in the course of the November 'Aktion'. During the two weeks he was in the camp, I saw him just once; he looked terrible."[S. 104] Auf Grund der Teilnahme Willy Fackenheims am I. WK und seiner Auszeichnung mit dem EK wurde er nach zwei Wochen wieder entlassen. Zu diesem Zeitpunkt spielten solche Faktoren noch eine Rolle. Nach der Entscheidung über die "Endlösung" nicht mehr.  Wir entnehmen dem Bericht von Walter F., dass die Blockältesten und Kapos der Baracken der "Novemberjuden" nicht wie im Hauptlager durch Nicht-Juden (politische oder kriminelle Häftllinge) besetzt wurden, sondern durch jüdische Häftlinge selbst. Es wird der Name eines österreichischen Judens aus Wien "Herzog" genannt, der Blockältester war (dieser war nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland im März 1938 verhaftet worden). Es fällt im Bericht über Buchenwald ein weiterer Namen: Gerhard Martin Sommer, SS-Offizier und als "Monster von Buchenwald" beschrieben. Dieser ist als SS-Offizier für die jüdischen Baracken verantwortlich gewesen und hat schon 1938 seine sadistischen Neigungen gezeigt. Walter F. beschreibt die schrittweise Entlassung der "Novemberjuden" aus Buchenwald. Zum Schluß waren alle (noch 200) in einer einzigen Baracke (Nr. 20) untergebracht. Für Walter Fackenheim kam die Entlassung erst am 11. April 1939. Sowohl zu Beginn der "Schutzhaft" in Buchenwald als auch kurz vor der Entlassung wurde allen die Köpfe geschoren. In Wiesbaden war nun die Familie wieder vereint und man musste sich schnellstmöglichst Visa für eine offizielle Ausreise aus Deutschland besorgen. Die Ausreiseprozedur war mit dem Bezahlen vieler (überhöhter) Gebühren verbunden, die nicht jede jüdische Familie aufbringen konnte. Familie Fackenheim aus Wiesbaden konnte 5 Überfahrten nach Shanghai mit einem deutschen Schiff bezahlen. ""The rule was that we could only take with us R.M. 10 each, approximately three dollars in US currenxy at the time. Whatever little money was left after the various penalty taxes for the November 1938 slaying of the German diplomat, the 100% tax on taking our belongings and the 50% emigration tax, had been placed in blocked accounts with Dresdner Bank in Wiesbaden. We carried the ten marks cash, we had our ship's passage, and we had some two thousands marks of credit in the ship's bank which we could spnd only on board ... Whateverwe did not spend was going to be returned to our blocked accounts." [S. 129f.]  
Nach der Entlassung aus Buchenwald hatte sich Walter F. sofort bei der GESTAPO zu melden und die Dokumente seiner Ausreise vorzuzeigen. Am 17. April 1939 verließ die Familie für immer Wiesbaden und damit auch Deutschland.
In den weiteren Ausführungen wird auf den Vater wenig Bezug genommen. Zu seinem Tode schreibt der Sohn:"Father's condition worsened. He started having difficulties maintraining his balance. Soon he was bed-bound partically all day long. 1942 ended, 1943 started. ... on March 13, 1943, when around eight in the morning, Father died, having suffered from pulmonary edema for serveral days. He was buried in the Point Road cemetery where Jews  from Europe  had been interred  since the start of the immigration. That was where two and a half years later Mother  would be  laid to rest, in a cemetery which does not exist anymore. It was moved and later completely destroyed  during the Cultural Reovlution." [S., 216f.]  
Damit endet das bewegte Leben des Juden Willy Fackenheim, Abiturient des Stadtgymnasiums Halle mit der Nr. 636 von Michaelis 1900. Was ist von ihm geblieben? Ein Stolperstein in Wiesbaden und Nachkommen mit neuen Namen in den USA.

[Bk 03-09-11]


Buchcover (die Autobiografie des Sohnes von Willy Fackenheim ist im historischen Schularchiv der IGS vorhanden) 
Regent Press, Berkeley, California 1995
(alle Zitate entstammen diesem Buch)

Walter C. Frank 1961
Quelle: Hassia Judaica Projekt "Dr. med. Willy Fackenheim"

Walter Fackenheim 1941 in Shanghai
Quelle: United States Holocaust Memorial Museum (Link)

DIE LETZTEN SäTZE IN DER AUTOBIOGRAPHIEWALTER FACKENHEIMS ALIAS WALTER C. FRANKS: "BORN IN GERMANY, OF JEWISH FAMILIES WITH ROOTS THERE GOING BACK AT LAST SEVERAL CENTURIES, THEY HAD BEEN GERMANS AND JEWS, AS THERE WERE AND ARE NOW AMERICAN JEWS AND FRENCH JEWS AND BRITISH JEWS, ALL PROUD OF THEIR COUNTRY AND THEIR RELIGION." [S. 260]