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DAS GRAB DER EHEFRAU VON KURT BAUCHWITZ - ELSE SCHWABACHGEFUNDEN

 

Dem jüdischen Schüler des Stadtgymnasiums, Kurt Bauchwitz, der Sprachtalent besaß und ein erfolgreicher Rechtsanwalt wurde, der, von den Nazis vertrieben mit seiner zweiten Ehefrau und den beiden Söhnen in die USA ging und dort ein neues Leben anfing, sind in unserem Projekt "Spurensuche" schon mehrere Seiten gewidmet worden. Die Suche nach den Nachfahren führten uns nach Kalifornien in die USA und nach Israel. Von der Familie Bates erhielten wir die Auskunft, dass die erste Ehefrau von Kurt Bauchwitz, die die Mutter seiner beiden Söhne Helmut und Kurt ist, 1931 in Berlin verstorben ist und in Stahnsdorf bei Potsdam ein Urnengrab erhielt. Die Nachfahren teilten uns weiter mit, dass das Grab wohl schon 1935 nicht mehr kenntlich gemacht war. Else Schwabach stammte selbst aus einer jüdischen Familie. Im Jahre 2001 kam einer der Enkel der Familie Bates nach Deutschland, suchte die alte Grabstelle auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof, fand sie auch und richtete sie wieder her. Man bedenke, dies geschah 70 Jahre nach dem Tode der Großmutter. Im Jahre 2004 suchte der Enkel mit seinem Vater, also dem Sohne von Else Bauchwitz, noch einmal den Friedhof auf und man entschied sich, ein Gedicht von Kurt Bauchwitz auf den Stein setzen zu lassen. Dies lautet:

"Und wären wir geschieden
für immer
die Melodie summt fort
bis in den Frieden der Gruft.
Es endet nie
Kurt Bauchwitz 1890 - 1974"   

Diesen Umständen ist es zu verdanken, dass es von der Familie des Kurt Bauchwitz, später Roy C. Bates, Spuren in Deutschland durchaus noch gibt. Sogar ein Grabstein mit einem kleinen Gedicht, wie oben zu sehen, existiert noch. Anlässlich des Totensonntages im Jahre 2011 haben wir die Spur in Stahnsdorf, gelegen bei Berlin bzw. Potsdam,  aufgenommen und gefunden. Natürlich haben wir auch, wie es in Deutschland zum Totensonntag üblich ist, auch ein Grabgesteck niedergelegt.

Zur Frage, warum Else Bauchwitz gerade auf diesem Friedhof 1931 bestattet wurde, ist folgendes zu sagen: Der Friedhof in Stahnsdorf ist der zweitgrößte Deutschlands nach dem Hamburger Friedhof in Ohlsdorf. Sowohl von der Fläche her als auch von der Zahl der Bestattungen. Er wurde in der Nähe Berlins angelegt, um genügend Raum für Bestattungen von Berlinern zu haben bzw. Umbettungen von Berliner Friedhöfen, die durch bauliche Maßnahmen aufgelöst wurden, durchführen zu können. Selbst eine spezielle S-Bahn-Linie ist seinerzeit gebaut worden, die am Eingang des Friedhofs endete: die sogenannte Friedhofsbahn. Diese Linie gab es nur bis zum 13. August 1961, da die zweite S-Bahn-Station schon im damaligen Westberlin lag. Der Friedhof ist nicht nur "riesengroß" (>200 ha), sondern auch sehr interessant wegen vieler berühmter Gräber (Heinrich Zille, Familiengrab des Werner Siemens usw.) und sehr kunstvoll angelegten Grabstellen (Grabstelle des Verlegers Langenscheidt usw.). Für Berliner war in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts durch die gute verkehrstechnische Anbindung  (wahrscheinlich aber auch aus finanziellen Gründen) eine Bestattung in Stahnsdorf, also schon auf Brandenburger Gebiet, eine bedenkenswerte Alternative. Das durch die politischen Entwicklungen nach dem II.Weltkriege dieser Friedhof für die Westberliner nicht mehr erreichbar sein werde und für die Ostberliner nur durch ein umständliches Umfahren von Westberlin, war ja nicht vorauszusehen. Also hier hat Kurt Bauchwitz seine jüdische Frau Else 1931 beisetzen lassen. Und die Grabstelle existiert - aller widrigen politischen Umstände zum Trotz - auch noch 80 Jahre nach ihrem Ableben.

Kurt Bauchwitz veröffentlichte in seinem Gedichtband "Der Lebendige" 1920 folgendes Gedicht:

BILDERBOGEN
für meine Else

1.
Pralle Sonne aus Mittagshöhe, ein Maigeleuchte
Schwimmt in den Kronen des durftenden Lindenwalds,
Hell wie Hifthörner tönen der fröhlichen Pfalz:
Strahlen singen und dörren die Frühlingsfeuchte,
Daß in Schwärmen hocken die trunkenen Bienen,
Und verriegelte Schränke ihr "Sesam"! hör'n,
Und die Greifefinger pausbäckiger Görn
Zappelnd lüstern auf Strohhut und Mousselinen.
O du finstere Not!
Licht mahnt  zum Vergeuden!
Winterweiße bräunt sich im flatternden Taft .....
Und so kam dieser Tag als ein Bote der Kraft,
Als ein Ernteherold und Rufer der Freuden.

2.
Kein Bajazzo in knallroten Seidenpompons
Und kein Yankeedudler von Niggersongs
Darf heute, Du Stiller, Dich preisen;
Denn Dir, der  ü b e r dem Himmel thront,
Geheiligt-verspottet-stets lächelnder Mond,
Armsünderglöcklein und Räuscheklingel,
Du Satyrböcklein und Herzensschlingel,
Spielt heute der Tor seine Weisen.
Und der Tor - der bin i c h  und leugn' es nicht ab:
Denn ich trage der Schelmen Schelle und Kapp'
Und habe  d o c h  keine Grillen,
Ich schaue nur hin und forme zum Lied,
Wie dir ein Wölklein vorüberzieht,
Du Allverstehender, ganz Inwendiger,
Unbestehender, immer Beständiger, -
So singt die Laute dem Stillen:
      Die Tage sind hart und hehr,
      Sanft schmiedt sich die Nacht
      An die Seele.
      Buhlin der süßen Träume,
      Ich umarme Dich,
      Du Bunte ohne Grelle,
     Tiefe ohne Gedanken,
      Heimat ohne Vaterland,
      Wunschlos-Wünschende,
      Gütig-Nehmende,
      Weil du  s o  bist wie meine Liebste!

Es war wohl seiner Frau Else Schwabach gewidmet. 


Herr Budnik zum Totensonntag 2012 auf dem Stahnsdorfer Friedhof
am Grabe von Else Schwabach-Bauchwitz (nach jüdischer Tradition wird ein mitgebrachtes Steinchen auf den Grabstein gelegt)

>> Stahnsdorf in GoogleMaps
>> Die Website des Friedhofs
>> Berühmte Gräber auf dem Stahnsdorfer Friedhof (Wikipedia-Artikel)
>> Artikel der Berliner Morgenpost "Deutschlands zweitgrößter Friedhof wird 100"; Im Artikel wird der Friedhofsverwalter neben dem Murnau-Grab gezeigt, rechts daran vorbei führt der Weg in ca. 30 m zum Grab von Else Bauchwitz.

Zu den Fotos:
1 - Eingangsbereich des Stahnsdorfer Südwestfriedhofes
2, 7 - Plan des Friedhofes mit Kennzeichnung des Grabes von Else Bauchwitz
3, 4 - Grabstelle
5 -Text auf dem Grabstein
6 - Brunnen auf dem Urnenhain II
8 - Straßenschild und Graffiti auf einer Hauswand
9 - Veranstaltungen zum Totensonntag auf dem Friedhof
10 - Umgebung von Stahnsdorf

[Bk 20-11-11; Fotos Bk; Erg. Dez. 2012]