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JüRGEN REINHOLD - SCHULGESCHICHTE VS. INFORMATIK


Jürgen Reinhold als Sextaner in Halle (1933)

Über den zeitweise am Stadtgymnasium (1933 - 1936) lernenden Schüler Jürgen Reinhold ist im Zusammenhang mit dem jüdischen Schüler Harry Lichtenstein berichtet worden. In seiner Autobiografie "Erinnerungen" berichtet der spätere Richter in Hessen und dann in die Führungsetage des Krupp-Konzerns in Essen aufgestiegene J. Reinhold über seine Suche nach Harry Lichtenstein nach dem Kriege. Ein anderer Gesichtspunkt aus dem Leben J. Reinholds gelangte jetzt - fast zufällig - in unser Gesichtsfeld. In einem Spiegel-Artikel aus dem Jahre 2010 wurde über die letzten Zeitzeugen aus den Kreisen ehemaliger Wehrmachtsangehöriger berichtet, die im II. Weltkrieg noch persönlich mit der ENIGMA, einer in die Geschichte der Kryptologie eingegangene besondere Chiffriermaschine, deren Code aber in England durch ein Team um Alan Turing (2012 wird in der Informatik als "Alan-Turing-Jahr" begangen, da er am 23.06.2012 einhundert Jahre alt geworden wäre) geknackt wurde, zu tun hatten. Und Jürgen Reinhold, 1923 in Halle geboren und heute in Essen lebend, ist einer dieser letzten lebenden Zeitzeugen. 1945 war er noch einmal zu einer vierteljährigen Ausbildung (s. "Erinnerungen" S. 149f.) von Januar bis März 1945 in der Heeresnachrichtenschule* in Halle (heute Uni-Gelände am Hubertusplatz).

Aus der Autobiografie J. Reinholds "Erinnerungen": "Am 1. August 1941 wurde ich nun selbst Soldat. Vorher verbannte ich alle Schulbücher in die hinterste Ecke. Ich empfand eine gewisse Genugtuung über die Beendigung dieses Lebensabschnittes, die zwölf Jahre gedauert hatte. Ich verabschiedete mich von den Klassenkameraden, die mich zum Teil darum beneideten, dass ich nicht mehr zur Schule gehen musste. Ich machte auch Abschiedsbesuche bei allen Lehrern,die mir ehrlichen Herzens das Beste wünschten. Viele waren imErsten Weltkrieg Soldat gewesen und wussten, was auf mich zukam. ... [Bk: aus dem Abscnitt "Einberufung" S. 129f.] Nach dem Frühstück hatten wir während der gesamten Ausbildungszeit 'Hören und Geben', d. h. Morsen mit Kopfhörer und Morsetaste. ... Ein wichtiger Teil der Ausbildung war das Schlüsseln. Unter strenger Geheimhaltung wurden wir in die Hand- und Maschinenschlüsselsysteme der Deutschen Wehrmacht eingeführt. Dies war notwendig, weil der Funkverkehr damals, im Gegensatz zu heute, telegrafisch und zum Teil über große Reichweiten abgewickelt wurde und vom Gegner mitgehört werden konnte. Für Funksprüche vorwärts der Divisionskommandoswar der sogenannte 'Doppelkastenschlüssel' im Gebrauch, der den 'Klartext' in die Fünfergruppen des 'Chitextes' würfelte. Für den Funkverkehr zwischen höheren Stäben ... wurde dafür ein Maschinenschlüssel eingesetzt. Hier war während des ganzen Krieges die legendäre Schlüsselmaschine 'Enigma' (griechisch: 'Rätsel') im Einsatz. In der äußeren Form einer Schreibmaschine vereinte sie in sich ein kompliziertes System von austauschbaren Walzen mit veränderbaren Ringstellungen und von Steckerverbindungen zahlreicher Kontakte. Die Kombinationsmöglichkeiten aus den sich täglich, später häufiger, ändernden Einstellungen der 'Innereien' der Schlüsselmaschine gingen in die Millionen.Ihr Geheimnis wurde deutscherseits für unslösbar gehalten." [aus Abschnitt "Ausbildung in Weimar", S. 134f.] Das Thema "Chiffriermaschine" wird im Lebensbericht J. Reinholds noch einmal angesprochen, als es um die Ausbildung in der Heeresnachrichtenschule in Halle im Jahre 1945 ging: "Im Lehrgang bekamen wir interessante Neuigkeiten vorgeführt, z. B. eine neuentwickelte Schlüsselmaschine, die aber nicht mehr zum Einsatz kam." [aus "Erinnerungen", S. 210]
Im Abschnitt "Kriegsende in Österreich" heißt es abschließend zur Thematik "Enigma": "Wir waren also keine 'Kriegsgefangenen'! Bevor wir diesen Weg antraten, zerstörten wir alle Funkfahrzeuge mit Panzerfäusten und die restlichen Schlüsselunterlagen. Übrig behielten wir einige LKWs für unseren Abtransport und die Funkgeräte, um notfalls Kontakte zu halten. Die Schlüsselmaschinen und viele Schlüsselunterlagen hatten wir schon vorher nach und nach vernichtet." [aus "Erinnerungen", S. 215]


1933: Volksschulklasse (mit Lehrer Lehmann), in die Jürgen Reinhold und Harry Lichtenstein (1. Reihe) gingen, bevor sie ans Stadtgymnasium kamen. Auf dem Foto auch die Mütter dieser beiden Schüler.


Quellen:
- Spiegelonline-Artikel "Die Geheimnisse der Enigma" vom 11. August 2010 von Klaus Schmeh
- Privatfotos (Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Jürgen Reinhold)
- "Erinnerungen" von J. Reinhold, Klartext Essen 2000

[Bk 17-05-12]

Jürgen Reinhold als Wehrmachtsangehöriger (1941 - 45) 

ENIGMA - GRIECH. "DAS RäTSEL"