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HEINRICH LIPPER - EIN WEITERES JüDISCHES SCHICKSAL

Auch das Schicksal von "Heini" Lippert steht mit unserem Schulhaus in Verbindung.

Im Gespräch mit Dr. Klaus Meinhof, Abiturient der Christian-Thomasius-Oberschule vom Jahre 1939, fiel der Name eines jüdischen Mitschülers dieser Klasse: Heinrich Lipper. Aus den Erinnerungen von Herrn Meinhof geht hervor, dass Heinrich Lipper 1938 die Schule verlassen hatte (also ein Jahr vor dem Abitur), in einem landwirtschaftlichen Betrieb (Gärtnerei?) in Halle arbeitete und dann auswanderte. Die Frage war, ob das Ausscheiden aus der Schule mit dem Attentat von Herschel Grynszpan (der übrigens vom gleichen Jahrgang war wie Lipper; er wurde in Deutschland geboren und war polnischer Staatsbürger jüdischen Glaubens) an dem deutschen Diplomaten von Rath am 7. November 1938 in Paris zu tun hatte. Dieses Attentat wurde ja zum Anlass für die November-Progrome gegen die Juden in Deutschland genommen. Die Recherchen zum Leben und zum Tode von Heinrich (in der Familie "Heini" genannt) Lipper führten aber zu einem anderen Ergebnis. Die Dokumente besagen, dass sich Heinrich Lipper schon in Halle einer jüdischen Jugendgruppe angeschlossen hatte, die sich auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitete. Vor dem Haus Gr. Märkerstr. 13 findet man einen Stolperstein mit der Aufschrift "Hier wohnte Heinrich Lipper - Jg. 1921 - vertrieben 28.10.1938 - erschossen 1941 - Kolomea". Stolpersteine der Eltern von Heinrich Lipper, Hanna und Leo Lipper, mit dem gleichen Vertreibungs- und Erschießungsdatum findet man ebenfalls vor diesem Haus. Was war geschehen? Im Gedenkbuch für die jüdischen Opfer des Holocaust aus Halle findet man die Information, dass auch in Halle am 27. Oktober 1938 sogen. "polnische Juden" (der Vater war in Polen geboren aber schon 1903 nach Deutschland gekommen, die Mutter stammte aus Leipzig) verhaftet wurden, auf das Polizeipräsidium gebracht und am nächsten Tage über die deutsch-polnische Grenze abgeschoben wurden. Dieser sogen. "Polenaktion", die übrigens der Hallenser Reinhard Heydrich organisiert hatte, fielen ca. 17000 Juden zum Opfer und mussten ohne Hab und Gut innerhalb weniger Stunden ihre Wohnungen verlassen und wurden aus Deutschland ausgewiesen. Nur die Schwester Gerda entging von der Familie Lipper der Abschiebung, da sie an dem Tage nicht in Halle war. Ihr gelang später die Flucht nach Palästina (s.Quellen unten). 10 Tage vor dem Attentat in Paris war also Heinrich Lipper schon nicht mehr in Deutschland und sein Ausscheiden aus der Schule kann also mit diesem Ereignis nicht in Zusammenhang gebracht werden. 
Was geschah weiter mit der Familie Lipper? Sie ging in die damals polnische Stadt Kolomea, die zu Galizien gehörte (am 17. September 1939 von sowjetischen Truppen besetzt; im August 1941 von der deutschen Wehrmacht besetzt; 1944 befreit; heute zur Ukraine gehörend). Nach der deutschen Besetzung fand am 21. September 1941 die erste Erschießung von 250 Juden statt. Weitere Massenerschießungen folgten am 11. und 12. Oktober 1941 sowie im November 1941. Zum 23. Dezember hatten sich alle in Kolomea lebenden Juden, die einen Auslandspass besaßen, bei der GESTAPO zu melden. Die Quellen besagen, dass 1200 Personen dieser Aufforderung folgten. Alle wurden kurz danach erschossen. Es ist durchaus möglich, dass die Familie Lipper mit dazu gehörte. Damit wären die Lebensdaten von Heinrich Lipper, Schüler des Stadtgymnasiums bis 1938: geb. am 25. Juni 1921 in Halle, erschossen am 23./24. Dezember 1941 in Kolomea, Galizien. Damit wurde er gerade mal 20 Jahre alt. Der Tod der Familie Lipper wurde von einer Cousine, die ebenfalls aus Halle stammte und nach Kolomea ging, bestätigt. Sie hatte auch das Ghetto von Kolomea überlebt und ging später in die USA. 

Zitat aus dem Wikipedia-Artikel zu den Stolpersteinen vor dem Hause Gr. Märkerstr. 13: "Am 16. Dezember 2005 wurden die Stolpersteine in der Großen Märkerstraße 13 von Unbekannten mit Teer übergossen."
 
Bemerkung zum 2. Foto: Herrn Klaus Meinhof verdanken wir den Hinweis über seinen ehemaligen jüdischen Mitschüler Heinrich Lipper. Die Aufnahme der Klasse, aus der hier das Bild von Heinrich Lipper vergrößert dargestellt wurde, wurde Ostern 1931 auf unserem Schulhof gemacht. Es war die Sexta A. Die Schüler waren ungefährt 10 Jahre alt und entsprachen unseren heutigen Fünftklässlern. 10 Jahre später wurde Heinrich Lipper von deutschen SS-Angehörigen in Kolomea erschossen.
Wir bedanken uns bei Herrn Meinhof für das Foto.
Foto 3 zeigt die Klasse Ostern 1931 mit Studienrat Hermann Hentzel.

Quellen:
Stolpersteine in Halle (Verein Zeit-Geschichte)
Wikipedia-Artikel zu Stolpersteinen in Halle mit Abbildung der Stolpersteine der Familie Lipper (Abb. des Stolpersteines ist dem Artikel entnommen - Bk) 
Gedenkbuch für die Toten des Holocaust in Halle -> Datenblatt zu Heinrich Lipper (mit Einschulungs-Foto von Heinrich Lipper) 
- Gedenkbuch ... --> Datenblatt zu Hanna  und Leo Lipper
Yadvashem-Auskunft zu Heinrich Lipper (hier: Heini Lipper; mit Abbildung des von Lore Schmidt, einer Cousine Heinrich Lippers, ausgefüllten Information [1974, Kalifornien USA])
Informationen zum Kolomyja-Ghetto und den dort durch die deutschen Besatzer durchgeführten Erschießungen von Juden (engl.)

[Bk 31-03-14]
schulgeschichte(at)igs-halle.de