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AUF DEN SPUREN VON SCHULABGäNGERN - KRIEGSTOTE DES I. WK

Der Volksbund für Kriegsgräberfürsorge e.V. führt jährlich Reisen zu Kriegsgräberstätten ins Ausland durch. Die Fahrt des vergangenen Jahres nach Belgien/Flandern (s. Artikel dazu) und in diesem Jahr nach Holland/Ysselsteyn , Frankreich/Region Verdun und Elsaß-Lothringen/Niederbronn wurden genutzt, um die Lebensschicksale weiterer Schüler unseres Schulhauses zu verfolgen. Lebenslinien, die abrupt endeten, mitunter auf "Deutschen Soldatenfriedhöfen" im Ausland mit Grabstein oder irgendwo in Gemeinschaftsgräbern der Art "Hier ruhen .... unbekannte deutsche Soldaten". Eine Analyse des Riehmschen Adressverzeichnisses der Abiturienten des Stadtgymnasiums (Stand 1937) erbrachte folgende Ergebnisse:

10,7 % der Abiturienten und Abgänger ohne Abitur bis Ostern 1914 fielen im I. WK.
22,8 % der Schulabgänger der Jahrgänge 1914 - 1918 sind in diesem Kriege gefallen (vielleicht sollte man sagen, sind "verheizt" worden). Damit sind 12,3 % der Abiturienten und Abgänger ohne Abitur bis Michaelis 1918 Kriegstote. Diese vor allem jungen Leute (manche unter 20 Jahre alt) sind einen sinnlosen Tod für eine verwerfliche Sache gestorben. Natürlich hat auch die Institution Schule eine Schuld daran, da junge Erwachsene bis 1918 auch im Stadtgymnasium zu einem falschen Patriotismus, zu Haß gegen andere Völker und übersteigerter Deutschtümelei durch viele (nicht alle) Lehrer erzogen wurden. Bedenkt man, dass 21 Jahre später (weniger als ein Menschenleben) eine noch größere Katastrophe begann, realisiert zum Teil durch Soldaten/Offiziere, die durch "die Hölle von Verdun" im I. WK gegangen sind, so kann man heutzutage nur den Kopfschütteln ...

Die uns bekannten Daten von Schulabgängern, die im I. WK als Soldaten/Offiziere in den Regionen gefallen sind, die auf den beiden Reisen des Volksbundes tangiert wurden, sind in einer Excel-Datei zusammengefasst worden (hier). Die Daten der Kriegstoten ehemaligen Schüler, die nur durch die Abiturientennummer angegeben sind, liegen vor, wurden aber aus Zeitgründen nicht aus dem Adressverzeichnis übernommen. Zusätzlich wurden Daten aus der Datenbank des Volksbundes zur "Gräbersuche" herausgefiltert und mit unserem Datenbestand abgeglichen (als exemplarisches Beispiel ist die pdf-Datei zu Julius Köstlin hier angefügt, der einer der ersten Kriegstoten des Stadtgymnasiums war).
Es ist bekannt, dass Gottfried Riehm auf der Feier zum 50jährigem Jubiläum des Stadtgymnasiums 1918 die Anbringung von Gedenktaflen für gefallene Schüler und Lehrer anregte (wie es damals allgemein üblich war), dafür Geld sammelte und in der ersten Hälfte der 20er Jahre wohl diese Idee durch mehrere Tafeln realisiert wurde. Leider ist kein Bild dieser Tafeln bekannt und auch nicht klar, wie lange sie in der Schule (vor der Aula?) hingen und was aus ihnen geworden ist.

Der Volksbund führt neben einigen Soldatenfriedhöfen Jugend-Begegnungsstätten, die Projekte und Gesprächsrunden organisieren, bei denen das Wort "Frieden" dominant ist - und das ist auch gut so. Auch hat sich der Volksbund jüngst vom Begriff "Ehre" in Bezug auf die deutschen Soldatenfriedhöfe verabschiedet (aus "Ehrenhalle" ist z. B. in Niederbronn eine Trauerhalle geworden). Dies war wohl schon lange fällig.

Fotos:
1 - Einzelgrab eines unbekannten deutschen Soldatens (II. WK) auf dem Friedhof Ysselstein (einziger deutscher Sammelfriedhof in den Niederlanden)
2 - Jüdischer Grabstein auf dem dt. Soldatenfriedhof Maizeray vor Verdun (I. WK)
3 - Jüdischer Grabstein auf dem größten amerikan. Militärfiedhof auf dem europäischen Kontinent Lorraine bei Metz
4 - "On ne passe pas" = Keiner kommt durch; Motto in Verdun während der Verteidigung der Stadt 1914 -18
5 - Eine Rosenart trägt den Namen "Verdun" zu Ehren der gefallenen Verteidiger der Stadt
6 - La Citadelle Verdun, die Zitadelle von Verdun; wichtiger Verteidigungsstützpunkt während der deutschen Belagerung, wurde nie eingenommen
7 - Fort de Douaumont im Verteidigungsgürtel um Verdun; größtes Fort, das zum Schutz vor deutschen Invasoren gebaut wurde
8 - Ossuaire de Douaumont, das Beinhaus auf dem Schlachtfeld von Verdun; ist Begräbnisstätte für über 100 000 französischen und deutschen unbekannten Soldaten (es hat wohl einen symbolischen Charakter, dass die, die zu Lebzeiten gegeneinander gekämpt hatten nund nach ihrem Tode "vereint" sind; vor dem Beinhaus hatten Kohl und Mitterand 1984 die symbolträchtige Versöhnung vorgenommen)
9 - Schild am Beinhaus
10 - Seit kurzem weht auch die deutsche Fahne über dem Fort Douaumont, was durchaus zu Diskussionen in der Region Verdun geführt hatte. Grund ist, dass in unterirdischen zugemauerten Kasematten die Gräber sowohl von französischen als auch von deutschen Soldaten liegen und diese Stätten als Militärfriedhöfe interpretiert werden.
11 - 13 unterirdische Grabstätten in den Kasematten des Fort Douaumont
14 - Dt. Soldatenfriedhof Maizeray bei Harville
15 - Dt. Soldatenfriedhof in Harville
16, 20 - Namenbücher in Harville und Niederbronn-les-Bains
17 - französ. Gedenkstätte für ein während des I. WK total zerstörten Dorfes (bis heute werden für 9 im I. WK zerstörte und nicht wieder aufgebaute Ortschaften Bürgermeister und ein Gemeinderat aus 2 Mitgliedern durch den Präfekten ernannt, die für den Erhalt der Gedenkstätten verantwortlich sind)
18, 19 Plan der Kriegsgräberstätte Niederbronn-les-Bains (Bad Niederbronn) mit der nicht mehr verwendeten Bezeichnung "Ehrenhalle")
21 - Auch die Stadt  Sedan ist nicht weit entfernt (die von den Deutschen gewonnene Schlacht bei Sedan am 1.9.1870 wurde bis zum nationalen Taumel hochstilisiert; im Sedan-Geist wurden wohl die Schüler erzogen, die dann z. T. freiwillig in den "Großen Krieg"  zogen; der Sedan-Tag Anfang September war schulfreier Tag und wurde im Stadtgymnasium bis 1918 u.a. mit "Schauturnen" begangen)
22 - größter amerikanischer Militärfriedhof auf dem Kontinent

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Bemerkungen zu den biografischen Recherchen der Schulabgänger unseres Hauses
* Der Schüler Hans Niewerth hätte Ostern 1917 sein Abitur machen müssen (Abiturientennr. 1197e). Sein Todesdatum wird mit dem 08.03.1916 "bei Douaumont" angegeben. Er hatte also kein Abitur gemacht und sich wahrscheinlich als jugendlicher Kriegsfreiwilliger gemeldet. Sein Geburtsdatum ist laut Datenbank des Volksbundes der 29.10.1898. Damit war er zum Todeszeitpunkt 17 Jahre alt! "Kindersoldat" würden wir heute dazu sagen. Die sterblichen Überreste wurden auf der Kriegsgräberstätte in Azannes I bestattet. Unklar ist, wie lt. Auskunft des Volksbundes sein Dienstgrad "Leutnant" gewesen sein kann. Ein Vergleich mit der Biografie Ernst Jüngers, der ebenfalls vor Verdun war, zeigt aber dass dies ging. Jünger meldete sich im Aug. 14 als Kriegsfreiwilliger, obwohl er im November hätte Abitur machen müssen. Ihm wurde ein Notabitur noch im August 14 erlaubt. 1915 meldete er sich zu einem Ausbildungskurs, so dass er im November 1915 Leutnant war.
Sein Bruder, Joachim Niewerth, hatte zu Ostern 1915 das Abitur an der Schule gemacht (Abiturientennr. 1117). Er ist am 21.03.1918 bei St. Quentin (nahe der belgischen Grenze) gefallen und hatte im Füs.-Reg. 36 als Ordonnanzoffizier im Dienstgrad eines Leutnants gedient. Joachim Niewerth wurde auf der Kriegsgräberstätte Maissemy beigesetzt.
Die Familie hatte also zwei Söhne verloren. Beide waren an der gleichen Schule. Der Ältere hatte noch Abitur gemacht, der Jüngere nicht mehr. Wahrscheinlich hatten sich beide abgesprochen, gemeinsam "in den Krieg zu ziehen". Dass sie einmal in französischer Erde auf zwei unterschiedlichen Friedhöfen bestattet sein würden hätten sie sich wohl nicht im Traume vorstellen können.
Der Beruf des Vaters lässt sich nicht eindeutig herausfinden, da in den Hallischen Adressbüchern von 1911, 1915 und 1920 mehrere Familien Niewerth vorkommen. Am wahrscheinlichsten ist jedoch die Familie des Hermann Niewerth, evangelischer Pfarrer in der Haftanstalt, wohnhaft Am Kirchtor 20 I (die anderen Berufsgattungen wären Arbeiter bzw. Postschaffner - die Schüler des Stadtgymnasiums mussten Schulgeld bezahlen).
Den Niewerth-Jungs wurden nicht nur zwei Drittel ihres Lebens genommen sondern auch die Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen, Familien zu gründen und Kinder zu haben.

# Kurt Lehmann (1160), Abitur Ostern 1916, gefallen vor Verdun am 22.06.1916, kein Grab bekannt

# Hans Löwenhardt (1165b), hätte Abitur Ostern 1916 ablegen sollen, gefallen vor Verdun am 30.03.1916, Grab in Azannes II

# Wolfgang Schmidt (848), Abitur Michaelis 1907, gefallen "bei Harville" am 26.05.1915, aber weder auf dem Soldatenfriedhof in Harville noch in Maizery wurde seine Grabstätte gefunden, also: kein Grab bekannt

und weitere.
Von den 122 gefallenen Schülern, die bis zum Kriegsbeginn Abitur machten, sind 4 in Langemark in Belgien begraben. Zum  "Mythos von Langemark" haben wohl auch ungewollt die Abiturienten Hans Günther (Abitur 1909) und Helmuth Schwabe (Abitur 1912) beigetragen, da sie am 13.11.14 bzw.11.11.14  bei Langemark gefallen sind und die sogen. Erste Flandernschlacht am 10.11.14 begann. Beide werden im Adressverzeichnis der Abiturienten als "Kriegsfreiwillige" bezeichnet. Ungediente, Kriegsfreiwillige und Reservisten sollen dort den Hauptteil der Gefallenen darstellen. Ihr sinnloser Tod wurde durch die Propaganda bis in die Nazizeit glorifiziert.  

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Erich Kästner
VERDUN, VIELE JAHRE SPÄTER
Auf den Schlachtfeldern von Verdun
finden die Toten keine Ruhe.
Täglich dringen dort aus der Erde
Helme und Schädel, Schenkel und Schuhe.
Über die Schlachtfelder von Verdun
laufen mit Schaufeln bewaffnete Christen,
kehren Rippen und Köpfe zusammen
und verfrachten die Helden in Kisten.
Oben am Denkmal von Douaument
liegen zwölftausend Tote im Berge.
Und in den Kisten warten achttausend
Männer vergeblich auf passende Särge.
Und die Bauern packt das Grauen.
Gegen die Toten ist nichts zu erreichen.
Auf den gestern gesäuberten Feldern
liegen morgen zehn neue Leichen.
Diese Gegend ist kein Garten,
und erst recht kein Garten Eden.
Auf den Schlachtfeldern von Verdun,
stehn die Toten auf und reden.
Zwischen Ähren und gelben Blumen,
zwischen Unterholz und Farnen
greifen Hände aus dem Boden,
um die Lebenden zu warnen.
Auf den Schlachtfeldern von Verdun
wachsen Leichen als Vermächtnis.
Täglich sagt der Chor der Toten:
„Habt ein besseres Gedächtnis!“

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Wichtige Links

Gräbersuche über die Datenbank des Volksbundes
Kriegsgräberstätten, die vom Volksbund betreut werden
Jugend- und Bildungsarbeit des Volksbundes
- Die Jugendbegegnungsstätten in Ysselsteyn (NL), Niederbronn-les-Bains (Fr) und Lommel (B)


Literatur
Vom Volksbund herausgegebene pädagogische Handreichungen
--> Menschen im Ersten Weltkrieg
--> Kriegsgräber: Spurensuche im Internet
--> "Friedenspädagogische Methodenbox"
(Diese Handreichungen sind im historischen Schularchiv vorhanden)
--> Erich Maria Remarque "Der Feind" Erzählungen über die Nachkriegszeit

[Bk 17-08-15]